Kategorie: Terroir

  • Riesling vs. Klimawandel

    Riesling vs. Klimawandel

    Ist die Königin der Weißweine, die Rieslingtraube, in ernsthafter Gefahr?

    von Friedemann B. Götz

    Es liegt auf der Hand, dass der Klimawandel mit seinen Wetterextremen nicht spurlos an einer fragilen Frucht wie der Rieslingtraube vorübergeht. Wir haben deshalb bei drei unserer Riesling-Winzer aus Deutschland nachgefragt: Ist die Königin der Weißweine, die Rieslingtraube, in ernsthafter Gefahr?

    Der Klimawandel ist in aller Munde und zeigt sich eindrucksvoll in dramatischen Episoden. Die Meeresspiegel steigen, die Temperatur geht nach oben und Wetterextreme wie Überschwemmung und Trockenheit werden häufiger. 

    Es liegt auf der Hand, dass der Klimawandel mit seinen Wetterextremen nicht spurlos an einer fragilen Frucht wie der Rieslingtraube vorübergeht. Wir haben deshalb bei drei unserer Riesling-Winzer aus Deutschland nachgefragt, ob sie die Königin der Weißweine, die Rieslingtraube, in ernsthafter Gefahr sehen. 

    Im Interview haben wir Johannes Groß (Weingut Goldatzel, Rheingau), Felix Prinz zu Salm-Salm (Weingut Prinz Salm, Nahe) und Aaron Schwegler (Weingut Albrecht Schwegler, Württemberg). 

    Foto Vioneers

    Wie steht es aktuell um den Riesling? 

    Wir haben alle drei Winzer gefragt, wie es unter dem Aspekt des Klimawandels aktuell um den Riesling steht. Die beiden nördlicheren Winzer (Felix Prinz zu Salm-Salm und Johannes Groß) überraschen uns mit einer beinahe deckungsgleichen Antwort:

    „Dem Riesling ging es noch nie besser, der Klimawandel spielt uns extrem in die Karten aktuell. Natürlich stellen wir Veränderungen fest, aber man muss fairerweise sagen, dass uns hier im deutschen Cool Climate ein wenig mehr Sonne und Trockenheit noch nicht geschadet hat“.

    Johannes Groß

    Man müsse sich nur einmal die Erträge der letzten Jahre im Vergleich zu den letzten Jahrzehnten anschauen, um festzuhalten, dass der Wein gerade gut wächst. Auch sei es vor 30 – 50 Jahren eine Seltenheit gewesen, dass stets vollreife Trauben gelesen werden können. Dies ist nun normal. 

    Aaron Schwegler aus Württemberg ist aktuell ebenfalls zufrieden mit seinen Rieslingreben. Er pflegt die geerbten Reben mit aller Sorgfalt, blickt allerdings auch kritisch in die Zukunft: „Ich kann hier nur Riesling anbauen, solange die Reben gesund sind und unter den aktuellen klimatischen Bedingungen eine Fortführung des Rieslings sinnvoll ist.“ 

    Rieslingtrauben werde geerntet. Foto Vioneers

    Neue klimatische Bedingungen für den Riesling

    Dass sich die Bedingungen für den Weinbau verändern, leugnet keiner der Winzer. Sie sehen sich und die Weinbranche aktuell von folgenden Phänomenen beeinflusst: 

    1. Trockenheit 

    Ein globaler Temperaturanstieg von wenigen Dezimalen ist bereits Anlass genug, dass das Thema Trockenheit auf der Agenda der Winzer steht. 

    Felix Prinz zu Salm-Salm sieht bei der Trockenheit besonders das filigrane Gleichgewicht des Rieslings in Gefahr:

    „Der Riesling lebt ja von der Balance zwischen Säure und Restzucker. Außerdem wollen wir nicht zu viel Alkohol im Riesling haben. Von der Filigranität lebt der Riesling.“

    Felix Prinz zu Salm-Salm

    Grund zur Sorge sei dies aber noch lange nicht, da man mit seinen Herausforderungen wachse und den Riesling immer noch im Griff habe. Hat man diese Balance nicht im Griff, wird der Riesling schnell langweilig, zu alkoholisch oder zu sauer. Wir haben die Rieslinge getestet – alle drei Winzer haben den Riesling im Griff. 

    2. Frühe Lese

    Im Vergleich zu den Wetterdaten der letzten 50 Jahre hat sich die Weinlese – besonders auch im Hinblick auf den Riesling – um mehrere Wochen nach vorne verschoben. Im Vergleich zu den 1950er Jahren ernte man nun im Schnitt 21 Tage früher.

    Eine Veränderung, die die Dynamik auf Weingütern beeinflusst: Erntehelfer müssen früher im Jahr bestellt werden. Gleichzeitig heißt das aber auch, dass bei gleichbleibendem Ernteende die Ernte länger sei. Ein Kostenfaktor, den man mit einkalkulieren muss. 

    3. Wetterextreme

    Alle Winzer nennen einzelne Jahre, die Wetterextreme mit sich brachten. Allein aus dem letzten Jahrzehnt sind hier nur 2022, 2018 und 2015 zu nennen. Extreme Trockenheit war hier das Problem. Aaron Schwegler führt dieses Phänomen mitunter auf die Verlangsamung des Golfstroms zurück: „Die Faktenlage ist klar: Der Golfstrom verlangsamt sich und somit wird auch die Wetterdynamik träger. Entweder ein Sommer ist ohne Veränderung der Großwetterlage komplett heiß und trocken wie 2022. Oder er ist komplett verregnet wie 2021. Zwischendrin findet immer seltener stabiles Wetter.“

    4. Wasserknappheit

    Aaron Schwegler fügt weiter an, dass die zunehmende Versteppung eine Folge aus mehreren Faktoren des Klimawandels sei. „Blickt man beispielsweise nach Kalifornien wird das Ausmaß des Wassermangels deutlich: die Staubecken leeren sich und es kommt kaum Regen nach.“ Eine Rationierung des Wassers ist die Folge, was natürlich die Frage der Wirtschaftlichkeit aufwirft und leider auch der Existenz des Weinbaus. Muss man dem Weinbau Vorrang vor der Landwirtschaft geben, die die Bevölkerung ernährt? 

    „Ich kann mir nicht vorstellen, dass da inmitten der Wüste einzelne Weinberge künstlich bewässert am Leben gehalten werden, während das Wasser zur Sicherstellung der Ernährung und somit der Existenz der umliegenden Bevölkerung genutzt werden sollte.“ (Aaron Schwegler)

    Riesling-Weinberg. Foto Vioneers

    Was heißt das für den Riesling – wird er ersetzt durch andere Rebsorten? 

    „Das hängt einerseits von der Region, andererseits natürlich vom Boden und vom Klima ab“ – so Johannes Groß. Es habe sich schon vor einigen Jahren ein Fenster geöffnet, das es Rebsorten ermöglicht zu wachsen, die bisher mehr im Süden Europas zu Hause waren. Johannes plant allerdings nicht, seine Rieslinge und Burgundersorten durch andere Rebsorten zu ersetzen. Auch sieht er den Vorteil in seinen Süd- und Osthängen, die ihm klimatisch in die Karten spielen.

    So pauschal optimistisch Felix Prinz zu Salm-Salm auf seinen Riesling schaut, hat er doch einen differenzierten Blick im Bezug auf andere Rebsorten. Dies hänge von der Region ab. Besonders im Süden (Baden und Württemberg) würde man sicher vor einige Herausforderungen gestellt. Einen großen Shift – gerade in den großen Spitzenbetrieben – sehe er allerdings nicht. 

    Aaron Schwegler im Remstal knüpft hier an und spricht von seinem Glück, dass seine Eltern in den 1980er Jahren bereits anfingen Merlot und Cabernet Franc in Württemberg zu setzen. Beides sind Rebsorten, die damals mehr als absurd und deplatziert erschienen, von denen er nun mit dem Klimawandel allerdings profitiert.

    Im Hinblick auf den Riesling wandert Aarons Blick in der Planung auf die südfranzösischen Weinbauregionen mit ihren weißen Rebsorten. Es liege schließlich in seiner Verantwortung in großen Zyklen zu denken, um kommenden Generationen die Freude an alten Reben zu bescheren, die er erfahren durfte. 

    Rieslingtraube. Foto Vioneers

    Die Zukunft des Rieslings

    „De facto ist es so, dass ich in den heißeren Lagen wie bei uns im Remstal dem Riesling keine große Zukunft mehr prognostiziere.“

    Aaron Schwegler

    Allein aus wirtschaftlicher Sicht lohne es sich für Aaron Schwegler nicht in neue Rieslingreben zu investieren. Das habe er noch nie getan und würde er auch niemals machen. Es dauere schließlich 3 Jahre bis mit den ersten Erträgen zu rechnen sei und weitere 5 bis 10 Jahre bis die Reben eine Gleichmäßigkeit und Qualität an den Tag legen, von denen man leben könne. Mit zunehmenden Wetterextremen sei diese Entwicklung allerdings in Gefahr, sodass er die sensible Rebsorte in seiner Planung „komplett von der Agenda“ streichen müsse. 

    Johannes Groß sieht weiterhin eine gute Zukunft für den Riesling. „Klar wird sich einiges verändern, aber wir wachsen mit der Zeit und unseren Herausforderungen. Ich glaube, es ist noch lange nicht so weit, dass wir sagen: Dem Riesling wird es hier zu warm.“

    Das Hier und Jetzt

    Es lässt sich viel über die Zukunft streiten und diskutieren. Dennoch können wir letztendlich wenig beeinflussen, außer der Gegenwart.

    So blickt auch Felix Prinz zu Salm-Salm pragmatisch auf die Lage. Zum Einen liegt sein Investitionsfokus seit längerem bereits auf den höheren Lagen, um weiterhin Cool Climate beibehalten zu können. Zum Anderen müsse man nachhaltig über regenerative Bewirtschaftung nachdenken. Der Boden müsse bereit sein, Wasser zu speichern, aber auch bei Starkregen Wasser schnell aufzunehmen. Zu bewerkstelligen sei dies durch regenerative Landwirtschaft: „Wir wollen den Boden nicht mehr aufmachen, sondern wir wollen, dass die Wurzeln sich wirklich ausbreiten können und langfristig tief wurzeln können. Somit bilden wir eine Schicht, die das Wasser speichert.“

    Es sei das allerwichtigste aktuell, sein Know-How auszubauen, um den heißen Jahren in Zukunft entgegenzuwirken und aufmerksam die Entwicklungen zu verfolgen. 

    Fazit

    Unsere drei befragten Winzer blicken aus ihren unterschiedlichen Weinbauregionen jeweils anders auf das Thema. Während Aaron Schwegler im Süden den Riesling von seiner Zukunftsplanung komplett streicht, freuen sich die Winzer von Nahe und Rhein über die vollreifen Rieslingtrauben der letzten Jahre. Unsere Winzer haben den Klimawandel im Blick und stellen sich auf Veränderungen ein. Das Hier und Jetzt ist die entscheidende Zeit, um Schlimmeres zu verhindern. 

    Schau Dir hier das Interview mit Felix Prinz zu Salm-Salm an.

    Nur beste Weíne.

    Vioneers setzt sich zusammen aus vino [ital.] für „Wein” und pioneers [engl.] für “Pioniere”. Wir sind Weinpioniere und Winzerentdecker. Wir entdecken unsere besten Weine auf familiengeführten Boutique-Weingütern auf der ganzen Welt.

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  • Die flüssige Quadratur des Kreises

    Die flüssige Quadratur des Kreises

    Spitzen-Lagrein aus Südtirol

    von Thomas Curtius MW

    Mir geht es mit Rebsorten wie mit Menschen. Ich liebe es, wenn ich ihnen an „ihrem“ Ort begegne. Dort, wo sie hingehören. Dort, wo sie quasi in sich ruhen und zugleich scheinbar mühelos zur Höchstform auflaufen. Denn dort sind sie auf jeden Fall einzigartig, oft faszinierend und manchmal sogar atemberaubend. Beispiele für diese Kombinationen gibt es zahlreiche. Riesling von der Mosel, Pinot Noir von der Cote d´Or, Blaufränkisch aus dem Burgenland, Shiraz aus dem Barossa, um nur einige zu nennen.

    Und auch beim Lagrein beim aus Südtirol ergeben Rebsorte und Lagen den „perfect match“. Ich habe Lagrein an verschiedenen Orten auf der Welt verkosten dürfen. Vor allem in Kalifornien und auch in Australien, wo in den Macedon Ranges, den Adelaide Hills und im King Valley hervorragende Beispiele erzeugt werden. Doch nirgendwo sonst bringt die Rebsorte jene Intensität, Feinheit und Tanninqualität hervor wie in ihrer Heimat Südtirol.

    Lagrein im Terroir Taberhof – © Kellerei Bozen

    Das ist sicherlich auf die einzigartigen Bedingungen zurückzuführen, die dieses Terroir ausmachen. Auch wenn Generalisierungen immer schwierig sind, haben sicher die vielen Sonnentage, die wärmende Ora und die kühlen Nächte entscheidenden Einfluss auf die Qualität. Die Trauben können voll ausreifen und behalten doch ihre Frische und elegante Frucht. Hinzu kommt die besondere Geologie und ein über die vergangenen Jahrzehnte optimiertes Weingarten- und Kellermanagement. Es hat Frucht und Struktur herausgearbeitet, aber zugleich die zupackenden Gerbstoffe gezähmt.

    Es gibt heute so viele individuelle, spannende bis hervorragende Lagrein-Weine, die auf den knapp 500 ha Rebflächen in Südtirol erzeugt werden. Die Spanne der talentierten Weinmacher reicht buchstäblich von A wie Andrian bis zu Z wie Zemmer. Deshalb fällt es schwer und es ist auch ein Stück unfair, einzelne Weine oder Erzeuger hervorzuheben.

    Muri-Gries: Kloster, Kellerei, Weingut in Bozen – © Muri-Gries KG, Fotografin Manuela Prossliner

    Auf meinem letzten Besuch in Südtirol im Oktober sind mir aber wieder einmal zwei Weine begegnet, die mich besonders beindruckt haben. Zum einen der Klosteranger 2015 Lagrein Riserva der Kellerie Muri-Gries. Der Wein stammt aus dem Herzen der altehrwürdigen Klosteranlage Muri-Gries. Ich hatte den Wein gleich zwei Mal im Glas. Einmal bei einer Verkostung im Rahmen des 10-Jährigen Jubiläums der Südtiroler Weinakademie, die ich geleitet habe. Zum anderen Mal bei einem entspannten Abendessen mit Freunden einen Tag später. Bei beiden Gelegenheiten hat mich der Wein auf unterschiedliche Weise gepackt.

    Der Klosteranger schafft für mich die Quadratur des Kreises. Er ist elegant, fokussiert und zeigt doch eine unglaubliche Intensität und Dichte. Er ist nicht laut, sondern hat die Präsenz und Tiefe, die Weltklasse-Weine auszeichnen. Reife Brombeeren sind mit wunderbaren Veilchen unterlegt. Schokolade, Erde, Kies und elegante Tabaknoten öffnen zusätzliche Dimensionen und kontrastieren wunderbar die Frucht. Feinmaschige Gerbstoffe geben Struktur. Das Finish ist lang, sehr präzise und hat einen feinen, mineralischem Ausklang. Bei unserem Abendessen hat mich zudem die wunderbare „Trinkigkeit“ des Klosterangers begeistert. Er begleitet, animiert, aber er drängt sich niemals in den Vordergrund. Schlichtweg superb.

    Klosteranger Lagrein Riserva – © Muri-Gries KG, Fotografin Manuela Prossliner

    Ebenfalls bemerkenswert, wenn auch von der Stilistik unterschiedlich, präsentierte sich der Taber Lagrein Riserva von der Kellerei Bozen. Auch er ein Ausnahmewein, der von bis zu 80 Jahre alten Rebstöcken stammt. Von ihm hatten wir dieses Mal zwar nicht den Jahrgang 2015 im Glas, dafür aber zwei andere spannende Jahrgänge: den 2017 und den 2010.

    Der 2017 Taber Riserva zeigte sich deutlich internationaler im Stil als der von mir etwas höher gewerteter Klosteranger: Fruchtbetonter, runder und damit ein Stück hedonistischer als sein klösterliches Pendant. Dennoch ernsthaft und sehr vielschichtig. Veilchen, dunkle Kirschen, Brombeeren, Blaubeeren unterlegt mit Zedernholz, Lakritz und Wacholder. Besonders gefallen hat mir das auf den Punkt extrahierte feinkörnige Tannin. Der Wein ist ebenfalls sehr lang und intensiv im Finish. Dabei fängt er jetzt gerade erst an, sich vollständig zu öffnen. Der 2010 Taber Riserva offenbarte eindrucksvoll, wie hervorragend Spitzen-Lagrein reifen kann. Reife Kirsche unterlegt von getrockneten Hagebutten, Sanddorn und etwas Humus. Die Tannine wunderbar gerundet und dennoch präsent. Ein Wein, der definitiv zum Essen genossen werden sollte. Klasse!!

    Mehr von Thomas Curtius zu lesen unter: www.thomas-curtius.com

    BIO:

    Thomas Curtius – MASTER OF WINE